03
Feb
10

Die Frau aus dem Papierladen

Ob Picasso, Monet oder Van Gogh – bei Leokadia Gremmels hängen Bilder quasi aller großer Künstler. Dabei ist sie weder Museumskuratorin noch Kunsthändlerin, sondern Inhaberin des Schreib- und Papierwarengeschäfts „L. Gremmels“ in der Marburger Oberstadt. Dort verkauft sie seit über 35 Jahren seltene Kunstkarten und andere Papierraritäten, aber auch Schreibwaren und sonstigen Krimskrams. Für jeden Kunden immer gratis dabei: ein entwaffnendes Lächeln von Marburgs originellster Papierverkäuferin.
Im Schaufenster prangt das Motto ihres bis oben hin vollgestopften Geschäfts: „Liebenswerte Nostalgie.“ Was einerseits auf die originellen, altmodischen Papierwaren aus längst vergangenen Zeiten zutrifft, personifiziert Leokadia Gremmels andererseits auch selbst. Unter den Marburgern ist sie schon lange eine Berühmtheit und sogar das „Studi-VZ“ hat ihr einen eigenen Fan-Club gewidmet: 37 Mitglieder, mich eingeschlossen, hat die „Gruppe für die Frau aus dem Papierladen“ bereits.
Wer aber ist diese kleine Dame mit dem so ausgefallenen Vornamen, der adretten Hochsteckfrisur und der großen runden Hornbrille? Wie kam sie zu ihrem kuriosen Papierladen und warum lächelt sie bloß immer so freundlich? Kurzentschlossen habe ich nachgefragt – und bin dabei auf eine fesselnde Lebensgeschichte gestoßen.
Leokadia Gremmels, geboren 1932, wuchs in Oberschlesien auf. Mit 20 heiratete sie einen Hannoveraner und ging mit ihm nach Norddeutschland. Dort, in Leerte bei Hannover, entdeckten die beiden ihre Liebe zum Papier und eröffneten gemeinsam ihr erstes „Schreibwarenbürobedarfsgeschäft“. Knapp 20 Jahre lang führten sie den Laden in Leerte, bekamen schließlich eine Tochter und wären vielleicht bis heute dort geblieben. Wenn nicht die B3 ihre Pläne buchstäblich durchkreuzt hätte. „Mitten durch unser Geschäft sollte die Straße führen“, erinnert sich Leokadia Gremmels. Und fügt heiter hinzu: „So ist das im Leben: Es geht nicht immer glatt!“ Die Gremmels’ wurden zwar vom Staat entschädigt, für ihren Papierladen bedeutete der Bau der B3 trotzdem das Aus. So entschieden sie sich schließlich für einen völligen Neubeginn in einer anderen Stadt. Aber wo?
Ob die Gremmels’ nun einfach der B3 nach Süden folgten, ist unklar. Auf jeden Fall landeten sie schließlich in Marburg und fanden dort schnell ein geeignetes Plätzchen zum Papierverkauf. Hausnummer 3 in der urigen Wettergasse, heute Sitz des „Jack Wolfskin Stores“, schien der perfekte Standort. „Wir haben uns gleich in das Geschäft verliebt“, sagt die kleine Dame heute. In der Wettergasse verkauften sie wiederum etwa 20 Jahre lang friedlich Papier und Schreibwaren. Bis sich alles schlagartig änderte. Statt der bisherigen 6000 verlangte der Vermieter plötzlich 10 000 Mark an monatlicher Miete. Wucher! Eindeutig zu viel für die Gremmels – und ein weiteres Mal mussten sie gehen.
Marburg und der Oberstadt blieben sie aber trotzdem treu und zogen mit ihrem Laden nur wenige Meter weiter. Zwölf Jahre lang betrieben sie ihr Geschäft in der Marktgasse 18. Und von dort kannte man in Marburg auch Leokadia Gremmels, wie sie inmitten ihrer Körbe mit Geschenkpapieren, Ständern mit Postkarten, Boxen, Schächtelchen und Regale hinter der Ladentheke stand und wie eh und je freundlich lächelte.
Vor wenigen Monaten stand der Laden dann plötzlich leer. Ein kleiner Zettel erklärte, warum:

„Wir sind umgezogen!“ Der Grund war dieses Mal jedoch kein unerwarteter Straßenbau oder eine radikale Mieterhöhung um 60 Prozent, sondern ganz simpel: „Ich wollte einfach zurück in die Wettergasse“, sagt Leokadia. Und ergriff die Gelegenheit, als sie sich bot. Heute ist sie 77 Jahre alt und verwitwet, trotzt wacker der Rente und wagt nun einen weiteren Neuanfang. Seit Juli ist sie mit ihrem Papier zurück in der Wettergasse – und will noch so lange weitermachen, wie sie kann.
Was aber ist nun das Geheimnis ihrer unerschütterlichen guten Laune? Leokadia erklärt: „Ich liebe mein Geschäft. Ich empfinde meine Arbeit als wunderschön und beglückend und das überträgt sich auf die Kunde
n!“ Und wenn dann doch einmal jemand schlecht gelaunt in en Laden kommt? Sie strahlt. „Ganz einfach: Dann entwaffne ich ihn mit einem Lächeln!“

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